SCENEN::NOTIZ - was ist das?

Du schreibst gerne und interessierst dich für Theater und die freie Szene Leipzigs?

Dann melde dich bei uns! Du hast freien Eintritt zu ausgewählten Theatervorstellungen und erhältst in Workshops professionelle Anleitung beim Verfassen von Texten!

Anmeldung und Fragen an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 


 

Rezensionen zu „Medea Killing Iason“, Freies Ensemble Jedermann im Ost-Passage Theater

 

Freies Ensemble Jedermann spielt „Medea Killing Iason“ im Ost-Passage Theater

Medea Killing Iason wurde frei nach Franz Grillperzer in einer Fassung von Max Latinski aufgeführt. Das Bühnenbild ist schlicht, die Schauspieler sind gut, wohl angemerkt, dass sie noch nicht lange im Bereich Schauspiel tätig sind.

Es werden Erfahrungsberichte in Form von kurzen Hörsequenzen eingespielt, die dem Publikum klar machen, dass sich das Ensemble intensiv mit dem angestrebten Thema Sexismus, Gleichberechtigung und Gewalt gegenüber Frauen auseinandergesetzt hat. Ob dies etwas bei einem Publikum bewirkt, bleibt allerdings fraglich. Anders könnte es bei der Kommentarebene sein, die unter anderem Texte von Uma Thurman zur Harvey Weinstein Debatte oder ein AfD Wahlprogramm zur Gender Thematik umfasst. Die Frauenrollen sind sehr unterwürfig und die Männerrollen sehr dominant dargestellt. Medea erscheint in einem schwachen Bild. Lässt man sich auf ein Gedankenexperiment ein, bei dem ein Mensch ohne Deutschkenntnisse im Publikum sitzt, könnte man vermuten, dass er die Frau in Deutschland als nicht gleichberechtigt ansieht.

Die Inszenierung ist in zwölf Teilen aufgebaut. Der rote Faden ist erkennbar, sowohl im Aufbau der Inszenierung auf dem Programmheft, wie auch auf der Bühne als Requisite. Während des 9. Teils der Inszenierung „Medea wird zur Schlachtbank gebracht und das Publikum sieht dabei zu.“, verliert sich der rote Faden etwas, da es an dieser Stelle zwei Alternativen gibt. Zum einen kann der Zuschauer seinen Mut ergreifen und einschreiten, oder aber sitzen bleiben und dabei zusehen. Iason steht im Publikum. Er zieht sich langsam aus und redet sich Medeas Flehen nach Hilfe schön. Er erfreut sich an seiner egoistischen Frohnatur. Die Frage bleibt, wie man der unbeholfenen, allein auf der Bühne liegenden Medea helfen soll? Ein Appell an das Publikum und einen Dreh in eine performative Richtung der Inszenierung hätte man eventuell zwei Minuten später eröffnen sollen und zwar an der Stelle, an der jedem aus dem Publikum klar ist, dass man eingreifen muss und der Zuschauer es nicht erträgt, still sitzen zu bleiben. Wenn das unerträgliche Gegenüberstehen der beiden Protagonisten und der körperliche Angriff unvermeidbar ist. Denn dann käme nicht die unerwünschte Frage auf, wie man Medea auf einer Theaterbühne in einer solch grausamen Lage als gewollter Zuschauer helfen kann, während sich Iason zu diesem Zeitpunkt im Publikum aufhält. Der performative Charakter hätte abgepasster sein müssen und sich besser vom Rest des Stückes abkapseln sollen. Nicht jedermann empfand dies so und daraus resultierte ein Eingriff ins Spielgeschehen. Ein Zuschauer stand auf und rettete Medea mit den Worten „Kind, ich helfe dir!“. Danach herrschte ein kurzes Durcheinander, das Spielgeschehen war gebrochen, Medea gerettet. Die Schauspieler waren unbeholfen und nach einer kleinen Anweisung aus dem Off endete das Stück mit dem Zertrennen des roten Fadens. Die Zivilcourage hat gesiegt. Diesmal. Bleibt zu hoffen, dass bei einem nächsten sexualisierten Gewaltübergriff in der Realität der Publikumsheld als Vorbild in Erinnerung bleibt.

 

 

„Zu Ihrer eigenen Sicherheit...“

Mit diesen Worten wird der Abend eingeleitet und schon hier wird deutlich, dass es sich weniger um ein klassisches Theaterstück, sondern vielmehr um den angekündigten „Versuch mit Zuschauenden“ handelt.

Die Inszenierung bearbeitet auf Grundlage des Medea-Textes von Franz Grillparzer den Anfang der antiken Sage, also Medeas Zeit in Kolchis und das Eintreffen Iasons und seiner Argonauten. Klassische Motive des Stoffes, wie die Diskrepanz von Bekanntem und Fremden und die Darstellung der Medea als barbarisch, die des Iason als zivilisiert, werden mit modernen Darstellungsformen kombiniert:

Die jungen, fast ausschließlich weiblichen Schauspieler*innen werden, in der ersten Reihe sitzend, zum Teil des Publikums, es werden AfD- und Trump-Texte rezitiert und die Gedanken der beteiligten Akteur*innen zum Stück als Aufnahmen eingespielt. Dieser performative Charakter wird auch gegen Ende bzw. ¾ des Aufgeführten deutlich, wenn die Zuschauenden die Möglichkeit haben zu intervenieren, Medea zu helfen und dem Stück so das letzte Viertel zu rauben und es um ca. 20 Minuten zu verkürzen.

Dieser eigentlich interessante Ansatz wird, meiner Meinung nach, zum Verhängnis des Stückes: Kritisch zu betrachten ist nämlich die, trotz der angeblich feministischen Auslegung des Stoffes, schwache, wehrlose Darstellung der Medea: Konstant unterwirft sie sich dem überheblichen, sexuell aufgeladenen Iason. So wird aus ihr ein Objekt, aus ihrem „Der Wille kann viel – und ich will“ in einer der ersten Szenen ein „Medea will nicht“ in der siebten Szene. Eine Entwicklung in die falsche Richtung, welche, wie leider erst im Nachgespräch klar wird, im ominösen letzten Viertel eine mehr oder weniger feministische Wendung eingeschlagen hätte.

Leider konnte auch die teils schwache Leistung des „Freien Ensembles Jedermann“ nicht über die beschriebenen dramaturgischen Mängel hinwegtäuschen, weshalb ich leider enttäuscht das Theater verließ. Viele Elemente der Inszenierung, wie die Kommentare aus dem Off, die performancehaften Einlagen und der Einbezug des Publikums, haben mich aber auch angesprochen, weshalb ich Ihnen nicht von einem Besuch der Vorstellung abraten will. Halten Sie einfach die Zuschauenden davon ab, Medea zu unterstützen, wenn sie darum bittet.

Es wird die Vorstellung vom 28.4.2019 beschrieben.
Es spielen: Ulrike Queck die Medea, Johann-Christoph Landgraf den Iason, Ursula Kohl den Aietes, Luise Sander den Abysrtus, Ronja Bemmann die Peritta/Sprecherin und Emily Rosin die Gora.
Der Versuch wird inszeniert von Max Latiniski, der auch die dramaturgische Leitung übernimmt.

 


 

Rezensionen zu „Der Widerspenstigen Zähmung“ im Schauspiel Leipzig

De[s] Widerspenstigen Zähmung“

Der Stoff des shakespearischen „problem play“ „Der Widerspenstigen Zähmung“, in der Stückeinführung als „so weit-so frauenfeindlich“ beschrieben, wird in der Inszenierung Moritz Sostmanns auf den Kopf gestellt: Ursprüngliche Männerrollen werden zu Frauenrollen und andersrum. Anstatt alle Figuren mit Menschen zu besetzen, werden teilweise Puppen eingesetzt, eine Besonderheit des Regisseurs. So werden eine Art Anti-Patriarchat entwickelt, geschlechtliche Machtverhältnisse auf die Probe gestellt und ein mal harter, mal verspielter Kampf der Geschlechter ausgetragen.

Unter tosendem Applaus zerschmettert eine Frau aus dem Publikum, Ensemblemitglied Bettina Schmidt, eine Glasflasche auf dem Kopf ihres Kollegen, nachdem dieser von der niederen Stellung der Frau schwadroniert hat. Auf den am Boden liegenden herabschauend, fragt sie die Zuschauenden: „Was macht man da jetzt so als Frau?“. Nach einem ironischen Monolog und erneutem Applaus scheint das Stück richtig zu beginnen:

Die Brüder Bianco, der jüngere, beliebte, und Katharino, der ältere, widerspenstige, treten auf und die ebenfalls erscheinende Lucentia, Personifikation der Barbie, ist sofort in den ersten verliebt. Ausgangssituation für die Geschichte mit all ihren Wirrungen und Verstrickungen bzw. Verkleidungen à la Shakespeare. Es folgt der Auftritt der Petruchia, Anne Cathrin Buhtz, begleitet von vier Tänzer*innen, deren Ziel, reich zu heiraten, schnell klar wird. Ihr wird von Katharino erzählt, den sie zu heiraten sofort begeistert ist. „Ein zeternd zänkisch Mann - wo ist denn das Problem?“ Diese Einstellung wiederum kommt Lucentia sehr entgegen, die ihren Bianco nur heiraten kann, wenn auch dessen widerspenstiger Bruder „unter die Haube kommt“. Im Folgenden springt die Handlung zwischen a) Lucentia, die als Englischlehrerin verkleidet, Zeit mit Bianco verbringt und b) Petruchia, die Katharino nach der Hochzeit verschleppt und zähmt. Beendet wird das Stück mit einem von Petruchia initiierten Wettbewerb: „Eine jede soll ihren Mann jetzt rufen lassen!“. Bianco und auch Hortensias Mann kommen nicht, erst Katharino erscheint, nachdem er von Petruchia gerufen wurde. Auffällig ist jedoch, dass eben diese beiden, im Gegensatz zu den anderen, nicht als Paar die Bühne verlassen, sondern Katharino nur gezwungenermaßen mit seiner Ehefrau verschwindet. Subtext: Für eine funktionierende Beziehung ist es also nicht förderlich, zu zähmen/gezähmt zu werden, sondern vielmehr dem Partner/der Partnerin gelassen und vertrauensvoll gegenüberzutreten.

Das an ein Amphitheater erinnernde, relativ zurückhaltende Bühnenbild steht sehr im Kontrast zu den lauten, mitunter obszönen Darstellungsweisen, teils schrillen Kostümen und ganz allgemein: der modernen Inszenierung. Geschlechterungleichheiten werden humorvoll, aber auch tiefgründig angesprochen, die Interpretation lässt Männer zu Objekten, Frauen zu Subjekten werden. Die grandiose Arbeit der Darstellenden und der das Stück auflockernde Einsatz von Musik lassen die 160minütige Vorstellung nicht langeweilig, sondern vielmehr zu einem Fest für alle Sinne werden.

Beschrieben wird die Aufführung vom 8.5.2019 im Schauspiel Leipzig.
Es spielen: Felix Axel Preißler als Christopher Schlau, Bettina Schmidt als Biondella, Magda Lena Schlott (Puppenspiel) als Baptista/Vincentia, Andreas Dyszewski als Katharino, Ron Helbig als Bianco, Christian Sengewald (Puppenspiel) als Gremia/Magister, Rike Schuberty (Puppenspiel) als Hortensia, Alina-Katharin Heipe als Lucentia, Anna Menzel (Puppenspiel) als Trania und Anne Cathrin Buhtz als Petruchia

Autor: Peter Fuchshuber

 

 

Geschlechterrollen

Zuerst war ich sprachlos vor Staunen, dann vor Entsetzen.

„Der Widerspenstigen Zähmung“ ist eine Komödie von William Shakespeare, die um 1592 entstand. Sie nahm mich am 08. Mai 19 im Schauspiel Leipzig in einem Strudel aus Begehren, Wahnsinn und Verstörung gefangen. Moritz Sostmann führte Regie bei diesem Stück und setzt dabei auf eine unglaubliche Art und Weise das Puppenspiel, sein Markenzeichen, ein. Noch nie erschien mir es so natürlich, dass Menschen und Puppen zusammen in einer Welt, in einer Familie leben.

In der Einführung wurde das Stück als „Komödie mit Denkanstoß“ bezeichnet und beobachtet man es bis zur ersten Pause, so kann man nur vollkommen zustimmen. Die moderne Adaption, bei der ein Anti-Patriarchat vorherrscht, enthält Witz, vulgäre Sprache, Gegenwartsbezüge und Klischees. Sie lässt einen laut mitlachen und den Fuß zur Musik mitwippen.

Nachdem man sich jedoch zum zweiten Mal in den Saal begeben und auf den Stühlen Platz genommen hat, ändert sich die Stimmung. Wie dem Titel zu entnehmen tritt, die unvermeidliche Zähmung in vollen Zügen ein. Zuvor war sie amüsant, verständlich und nicht zu ernst genommen. Doch nun verliert die Komödie ihr Recht auf diese Bezeichnung. Ein Trauerspiel beginnt, bei dem man dem armen Katherino (Andreas Dyszewski) dabei begleitet, wie er durch Schlaf- und Nahrungsentzug schändlich behandelt und letztendlich gebrochen wird.

Dem gegenüber bleibt das Liebesspiel von Bianco (Ron Helbig) und Lucentia (Alina-Katharin Heipe), eines heiteren turtelnden Paares, bestehen. Dieser makabre Vergleich der beiden Pärchen erstickt einem das Lachen im Hals.

Auch Christopher Schlau (Felix Axel Preißler), der durch die Rahmenhandlung in das Stück eingeschleust wird, verstrickt sich in diese sexistische, frauendominierende Geschichte. In der Männer zum Objekt der Frauen, aufgrund von Aussehen oder Geld, gemacht werden. So sehr Schlau auch Vertreter des Patriarchats zu Beginn war, wird er dennoch – wie auch Katherino – gezähmt oder viel mehr gebrochen. Durch ihn verschmilzt unser Hier und Jetzt mit dem Stück und es wird das Gefühl vermittelt, es könne einer solchen Zähmung keiner entkommen.

Petruchia (Anne Cathrin Buhtz) wirkt wie Gift in jeder Gesellschaft, dennoch ist sie das, was viele idealisieren: eigensinnig, ungebunden, emanzipiert. Sie hat einen starken Charakter und spielt mit Männern.

Die Inszenierung wirft durch Figuren wie sie, die Zähmung und vieles weitere für uns gesellschaftlich relevante Fragen auf: Wo fängt Unterdrückung an? Wie viel Sexismus ist vertretbar? Ist er das überhaupt? Wer darf wen zum Objekt machen? Steht die Frau über dem Mann oder der Mann über der Frau?

Im Bezug auf den Geschlechtertausch zum Originalstück bleibt für mich die erschreckendste Erkenntnis, wie unsere Gesellschaft von Geschlechterrollen und der Kritik daran geprägt ist. Lange Zeit geschah (und geschieht immer noch) so viel Frauenfeindliches, dass es kritisch wäre, Frauen auf der Bühne willenlos und dem Patriarchat untergeordnet darzustellen. Andersherum – Männer den Frauen untergeordnet und willenlos gegenüber, scheint das jedoch kein Problem zu sein. Oder täuscht das? Wo bleiben sie, um sich über eine sexistische Darstellung und Herabwürdigung ihres Geschlechts zu beschweren?

Autorin: Jule Leistner

 

 

Machtfrage

Noch während man sich auf dem Platz einrichtet und die letzten Worte mit der Sitznachbarin wechselt, zuckt man zusammen. Vor dem Publikum hat sich ein Mann (Felix Axel Preißler) aufgebaut und brüllt „Ruhe“ durch den Saal. Es wirkt und das Publikum verstummt, überrascht von dem abrupten Anfang. Sein eleganter Aufzug mit Fliege und gezogenem Scheitel täuscht nicht über den Ausbruch misogyner Anfeindungen, den er den Zuschauenden entgegenschmettert, hinweg. Auf einmal wird sein Redeschwall von einer Frau (Bettina Schmidt) im schicken Abendkleid unterbrochen, die als empörte Zuschauerin aus der ersten Reihe auf die Bühne tritt, körperlich und verbal zurückschlägt. Der Shakespeare-Text wird von feministischen Worten Virginie Despentes‘ abgelöst. Schon befindet man sich mittendrin, im Kampf der Geschlechter. Doch dieser Streit bildet nur die Hinführung auf das Schauspiel, was sich einem noch bieten wird.

„Der Widerspenstigen Zähmung“ gilt nicht ohne Grund als problem play Shakespeares. Der reiche Baptista Minola hat zwei Töchter, von denen die eine sich vor Freiern kaum retten kann, während die andere wegen ihrer Streitsucht als unvermählbar gilt. Die schöne, sanfte Bianca darf erst geheiratet werden, wenn ihre ältere Schwester Katharina einen Mann gefunden hat. Petruchio hat es auf die große Mitgift abgesehen und nimmt dafür das Übel der Widerspenstigen in Kauf. Mit Schlafentzug, Hungern und Brutalität bricht Petruchio Katharina, so dass sie ihm am Ende der Geschichte in keiner Situation mehr widerspricht. Das Ganze wird verschachtelt mit diversen Verwechslungsspielen und Liebesverstrickungen, für deren Entwirrung auch Moritz Sostmann über zweieinhalb Stunden braucht. Er macht die Aufführung des strittigen Stückes möglich durch die Spiegelung der geschlechtlichen Machtverhältnisse. Die Zähmer werden zu Gezähmten, die Männerrollen zu Frauenfiguren und unsere heutigen Machtverhältnisse sollen sichtbar gemacht werden. Nun ist es die Geschäftsfrau Baptista, die ihre zwei schönen Söhne an die Frau bringen will.

Christian Beck hat das Schauspielhaus in ein antikes Theater verwandelt. Die Bühne mutet einem Amphitheater an, über dessen letzte Bänke man in die malerische Landschaft einer italienischen Meeresbucht schaut. Doch in diesem Theater dienen die Treppen nicht als Sitzplätze für das Publikum, sondern als Spielfläche für die Darsteller*innen. Wie auf einer italienischen Piazza, deren Stufen über die Bühnenkante bis in den Publikumssaal quellen, treffen hier Frau und Mann, Jung und Alt, Mensch und Puppe aufeinander. Die Balustrade, die sich hinter den aufsteigenden Stufen bildet, wird mal zum Beckenrand eines Pools, mal dient sie als Versteck für die vier Puppenspieler*innen.

Sechs Puppen wuseln über den Besetzungszettel, übernehmen die Rollen von Lucentias Dienerin und die ihrer Mutter, werden Baptista und zu Freierinnen Biancos. Warum genau diese Rollen von Puppen verkörpert werden, ergibt sich nicht. Doch ihre menschlichen Bewegungen, ihr Rauchen und Tanzen, die Witze über ihr Verhältnis mit den Puppenspieler*innen und über die Diskrepanz zwischen den Körpergrößen von Mensch und Puppe tragen zum komödiantischen Charakter der Inszenierung bei. Die ganze Aufführung ist gespickt mit Anspielungen, Alberei, anzüglichen Witzen und in diesem Fall einer Menge an Dernierengags. Moritz Sostmann ist ein wunderbar-witziger Abend gelungen, der Spaß macht und viele Lacher bringt. Doch das Konzept der Umkehrung geht dabei nicht immer auf.

In den Momenten, in denen Bianco (Ron Helbig) ein Flakon nach dem anderen nimmt um sich herzurichten, während Petruchia (Anne Cathrin Butz) nach einer durchzechten Nacht in den Spiegel schaut und im besten Kölsch einfach nur „Jeil“ sagt, funktioniert es in all seiner Komik und eröffnet genau den Blick auf die geschlechtlichen Verhältnisse, der durch die Spiegelung entstehen soll.

Auf der anderen Seite ist da Petruchia im rückenfreien Paillettenkleid, dessen hoher Schlitz mit ihren hohen Absatzstiefeln korrespondiert. Sie braucht Grumio als starken Mann fürs Grobe an ihrer Seite. Dazu Lucentia (Alina-Katharin Heipe), die Verehrerin Biancos, im Barbie-pinken Lackkleid und Highheels. Die Souveränität und Überlegenheit, die den Frauen an diesem Abend zugeschrieben werden sollen, wird relativiert, wenn sie auf wackeligen Absätzen, in drückenden Schuhe und engen, freizügigen Kleidchen die Treppen erklimmen. Da beneidet frau doch die Männer, die statt „Barbie“ dem Vorbild von James Dean entsprechen und mit weißen T-Shirts und lockeren, schwarzen Stoffhosen breitbeinig daneben fläzen.

Wenn sich Lucentia als sexy Lehrerin im knappen Minirock offensiv vor Bianco herunterbeugt, um die heruntergefallenen Bücher aufzuheben oder Petruchia, bei ihrem ersten Auftritt die Balustrade hüftschwingend zu einer table dance Bar werden lässt, entsteht die Frage, ob nicht genau das diese sexualisierte Objektivierung ist, die auf die Männer übertragen werden sollte.

Am Ende schließt sich der Rahmen. Der chauvinistische Monolog vom Anfang wird nun vor allen Beteiligten in veränderter Form von Katharino (Andreas Dyszewski) gesprochen. Dabei fällt auf: Das Wort „Boss“ lässt sich nicht gendern.

Eben jener Versuch eine anti-patriarchalische Wirklichkeit zu inszenieren, verdeutlicht in seinen Schwierigkeiten die patriarchale Prägung unserer Gesellschaft. Das fängt damit an, dass manche Wörter nur im Männlichen funktionieren, geht mit der Herausforderung der Kleidung weiter bis hin zu den verinnerlichten Mustern der Spieler*innen. Immer wieder positionieren sich die männlichen Darsteller unbewusst höher auf den Treppen oder die Darstellerinnen schenken den Männern so viel Aufmerksamkeit, dass es zur Schmälerung ihrer dominanten, souveränen Position führt. Insofern zeigen vielleicht gerade die Momente, in denen die Umkehrung nicht funktioniert, das Problem.

Autorin: Anna Schlote